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27.02.2018, 15:59 Uhr
„Europa bleibt unser Schicksal“: Hochkarätige Referenten beim Dialog Dollenberg

Bad Peterstal-Griesbach. Tiefe Falten haben sich auf der Stirn beider Referenten eingegraben. Bei dem einen, Ex-Außenminister Klaus Kinkel, mit Blick auf die politische Weltlage im Allgemeinen und den Zustand Europas im Besonderen. Bei dem anderen, dem Präsidenten des Weltsparkassenverbandes Heinrich Haasis, angesichts von Cyberangriffen auf die Bankenwelt. Es sind ernüchternde Analysen, die beide beim jüngsten Dialog Dollenberg im Spiegelsaal des gleichnamigen Hotels in Bad Peterstal-Griesbach darlegen.

Noch immer verfolgt der mittlerweile 81-jährige Kinkel von seinem Bonner Domizil aus mit großem Interesse das Weltgeschehen. Und er zeigt sich äußerst besorgt. „Die Welt ist in gewaltiger Unordnung“, sagt er. Krisen- und Konfliktherde wie in Syrien, dem Irak oder Libyen hätten längst auch Europa und die EU erfasst. „Sie sind mitten unter uns angekommen.“ Selbst Polen, Ungarn und die Tschechische Republik, wo der Nationalismus fröhliche Urstände feiert, seien zu „unberechenbaren Unruheherden geworden“.

Europa zeigt tiefe Risse

Die Flüchtlingsproblematik sprenge die bisherige Solidarität in der EU. Zunehmende Gleichgültigkeit mache sich breit. Daraus folgert Kinkel: „Europa droht Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden.“ Der Kontinent, analysiert der FDP-Politiker, sei in keiner guten Verfassung. Er taumle von einer zur nächsten Krise und das europäische Gebäude zeige – nicht nur bei der Flüchtlingsthematik – gewaltiger Risse.

Stellt sich die Frage: Was ist zu tun, welche Rolle, welche Heraus-forderungen kommen auf Deutschland in dieser wider-sprüchlichen, unübersichtlichen und ungeordneten Welt zu? Deutschland, fordert Kinkel, müsse sein politisches und wirtschaftliches Gewicht bei der „Neuvermessung der Welt“ stärker einbringen. Zumal die Rufe danach von außen immer lauter würden. Und selbst 60 Prozent der Deutschen seien dafür. Deutschland müsse seine Zurückhaltung aufgeben, nicht mehr länger am „Spielfeldrand kommentierend“ stehen. Zentral wichtig sei dabei, so Kinkel, dass Deutschland seine Möglichkeiten nicht über-, aber auch nicht unterschätzt. Als „große Mittelmacht“ sei die Bundesrepublik zwar weltpolitisch gesehen „nur ein Mitspieler am Rande“, habe aber in Europa ein starkes Gewicht. Und hier gelte es anzusetzen. Denn: „Europa bleibt unser Schicksal.“

Deutschland sei deshalb gefordert, eng zusammen mit Frankreich eine Führungsrolle einzunehmen, um Europa aus der Krise zu führen. In der EU müsse sich die Erkenntnis durchsetzen, dass jedes Land allein – auch Deutschland – zu schwach ist, um in dieser schwierig gewordenen globalisierten Welt etwas Entscheidendes zu bewegen. Europa müsse alle seine Kräfte mobilisieren und bündeln, um die gefährliche Krise zu meistern. Und dabei, ist sich Kinkel sicher, kommt Deutschland eine besondere Rolle zu.

Auch was Heinrich Haasis zuvor zum Thema „Zehn Jahre nach der Finanzkrise – sind wir klüger geworden?“ referiert hatte, trägt an diesem Abend nicht unbedingt zur Beruhigung bei. Als damaliger Chef des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands war der heute 72-jährige Präsident des Weltsparkassenverbandes in die Krisenbewältigung involviert. Viel sei seit 2008, dem Zusammenbruch der US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers reguliert worden, um den Bankensektor robuster zu machen und die Stabilität zu stärken, räumt Haasis ein.

Gefahr Cyberkriminalität

Zwar sei man aus der Finanzkrise 2008 klüger geworden. Ob allerdings immer die richtigen Konsequenzen gezogen wurden, stellt Haasis infrage. Zumal alle Produkte, die man damals verteufelte, wieder eingeführt wurden. Haasis beurteilt die Situation heute sogar riskanter als vor zehn Jahren, allein schon wegen der größer gewordene Verwobenheit der Banken. Dennoch hält sich sein Pessimismus hinsichtlich einer neuerlichen Finanzkrise in Grenzen.

Haasis sieht indes eine ganz andere Gefahr für Banken: die Cyberkriminalität. So hätten im Frühjahr 2017 Hacker die Zentralbank von Bangladesh um 84 Millionen US-Dollar erleichtert, berichtet er. Wo das Geld geblieben ist, wisse bis heute niemand. Haasis zieht daraus den Schluss, dass die nächste Krise deshalb aus dieser, aus der technischen Ecke kommen werde und nicht aus den Bankfinanzen. Haasis: „Da bin ich sicher.“